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Einleitung zum Buch
Der stumme Schrei der Kinder
Die zweite Generation der Holocaust-Opfer

von Ilany Kogan

Im Laufe der Zeit, als der Holocaust für alle zur fernen Geschichte wurde, ausgenommen für wenige einzelne und Familien, wuchs in den Familien von Überlebenden eine neue Generation von Kindern heran. In der psychiatrischen oder psychoanalytischen Literatur trat jedoch kaum etwas über die schrecklichen Auswirkungen des Holocaust auf diese zweite Generation zutage, obwohl viele Kinder von Überlebenden sich zu feinfühligen und gebildeten Erwachsenen entwickelten, die Zugang zu manchen therapeutischen Möglichkeiten hatten.

Vielleicht waren sie ebenso wie ihre Eltern der psychologischen Behandlung gegenüber vorsichtig, oder der Holocaust wurde, wenn sie sich darauf einließen, weder vom Patienten noch vom Therapeuten als verantwortlich für die emotionalen Probleme des Patienten angesehen (Jucovy, 1992).

Erste Berichte über die zweite Generation resultierten aus den beruflichen Erfahrungen von Sigal (1971, 1973), Rakoff (1966, 1969) und Trossman (1968), die Kinder und Jugendliche aus Familien von Überlebenden behandelten. Ihre Untersuchungen wiesen darauf hin, daß die Nachkommen von Überlebenden im Hinblick auf die Entstehung emotionaler Probleme besonders gefährdet waren, auch wenn es sicherlich zutrifft, daß nicht alle Familien von Überlebenden psychisch beeinträchtigte Kinder hatten.

Weitere Beiträge zur psychoanalytischen Behandlung der Kinder von Überlebenden erschienen in einem von Anthony und Koupernik (1973) herausgegebenen Band. Ich werde einige dieser Fälle hier kurz beschreiben, da sie in der damaligen Literatur nur selten vorkommen.

Laufer (1973) berichtete über die Analyse eines Adoleszenten, dessen Vater in einem Konzentrationslager starb, bevor der Junge geboren wurde. Mutter und Sohn emigrierten nach England. Die Mutter heiratete wieder, als der Junge vier Jahre alt war. Als sie starb, war er halbwüchsig. Laufer zufolge wies das analytische Material darauf hin, daß Kinder von Überlebenden in bestimmten Bereichen wohl besonders verletzlich sein könnten. So sind zum Beispiel die Phantasien des Jungen, daß die Mutter während des Holocaust vielleicht eine Prostituierte war und daß er ein uneheliches Kind sei, für Kinder von Überlebenden typisch.

Furman (1973) beschrieb ihre analytische Arbeit mit einem vierjährigen Jungen, der weder sprechen noch selbständig essen konnte und dem die Fähigkeit zur Selbst-Differenzierung fehlte. Die Behandlung wurde dadurch unterstützt, daß die Therapeutin bei der Erziehung der Mutter beistand. Dazu gehörten Hinweise über die Bedeutung altersgerechter Informationen über den Holocaust für ihren Sohn.

Ein Aufsatz von Brody (1973), der die Analyse des Sohnes eines Überlebenden beschreibt, weist auf den Zusammenhang zwischen der Flucht des Vaters vor der Naziverfolgung und den Adoleszenzkonflikten des Sohnes hin.

Weitere Fortschritte der Forschung im Blick auf die Folgen des Holocaust für die Angehörigen der zweiten Generation wurden durch Kestenbergs (1972 a) analytische Arbeit mit dem Sohn eines Überlebenden erzielt, der ein bizarres Verhalten an den Tag legte und seine Analytikerin als feindselige Verfolgerin betrachtete.

Schließlich erschien 1982 ein ganzes Buch zu dem Thema, herausgegeben von Bergmann und Jucovy, Generations of the Holocaust. Dieses Buch, das Psychotherapien, Analysen und Forschungsberichte enthält, bereicherte durch die Beiträge von Jucovy, Bergmann, Kestenberg, Gampel, Oliver, Herzog und anderen sowohl den theoretischen als auch den klinischen Behandlungsbereich für Überlebende und ihre Kinder.

In den vergangenen zehn Jahren wurde die Forschung über die zweite Generation erweitert durch die Arbeiten von Auerhahn und Prelinger (1983), Grubrich-Simitis (1984), Laub und Auerhahn (1984), Jucovy (1992). Die Forschungsarbeit über die erste Generarion war durch die Arbeiten von Wangh (1968 a, 1968 b) sowie von Felman und Laub (1992) vorangetrieben worden; die Forschung über die vom Holocaust nicht direkt Betroffenen wurde von Moses (1993) dokumentiert.

Der Beitrag des vorliegenden Buches über die vorhandene Literatur hinaus liegt darin, daß eine ausführliche Beschreibung der Analysen von Kindern Überlebender und der wiederkehrenden Probleme und Konflikte in ihrem Leben geboten wird. Einmalig ist es darin, daß es das einzige Buch ist, das sich ausschließlich mit den psychoanalytischen Aspekten der Arbeit mit diesen Söhnen und Töchtern befaßt. Es bietet eine ausführliche Beschreibung des Materials aus acht verschiedenen Analysen, die häufig durch wortgetreue Gesprächsausschnitte aus den Sitzungen illustriert wird. Die Leser werden somit eingeladen, bei den Sitzungen >präsent< zu sein, und sie können den engen und vertraulichen Dialog zwischen Patient und Therapeutin ganz aus der Nähe verfolgen.

Auf intellektueller Ebene kann der Leser die wiederkehrenden Themen und Konflikte im Leben der Kinder von Überlebenden ebenso beobachten wie die Probleme, auf die die Analytikerin bei ihrer Behandlung stößt. Auf einer emotionalen Ebene wird der Leser einbezogen sowohl in die Geschichte der Behandlung als auch in die Lebensgeschichte der Patientin oder des Patienten. Er kann mit eigenen Augen verfolgen, wie diese Geschichten sich in der Analyse entfalten. Auf diese Weise lernt der Leser sowohl die Patienten als auch die Therapeutin auf einer überaus menschlichen Ebene kennen. Hier nun eine kurze Beschreibung der einzelnen Kapitel:

Kapitel 1 untersucht die Übertragung des Traumas von den Eltern auf das Kind bis zur dritten Generation. In jeder Generation sehen wir, wie die Mutter Gefühle der Depression und der Schuld auf ihre Tochter projiziert, die aufgrund der Identifizierung mit ihnen unfähig wird, eine Selbstdifferenzierung zu erlangen.

Kapitel 2 illustriert in einer Beschreibung der Analyse mit der Tochter eines Überlebenden den Sieg des Lebens über den Tod. Während der Analyse hat die Patientin eine dramatische Begegnung mit dem Tod, als ihr Liebhaber beim Liebesakt in ihren Armen stirbt. Dieses Ereignis löst eine Wiederkehr von Trauer- und Schuldgefühlen aus, die ihr Leben bedrohen.

Kapitel 3 präsentiert die Analyse einer jungen Frau als einen Entwicklungsprozeß, in dem das Selbst immer besser integriert wird. Das Wachsen des Selbst läßt sich in der Analyse an der Entwicklung der Kommunikationsmodi der Patientin von der nichtverbalen Kommunikation eines Säuglings über die weiter entwickelte Kommunikationsweise eine Kindes und schließlich zu einer Form der Verbalisierung des Erwachsenen verfolgen.

Kapitel 4 untersucht die Wiederherstellung der Fähigkeit, Schmerz und Schuld zu empfinden, illustriert durch Material aus der Analyse einer Frau, deren vier Monate alter Säugling bei einem Autounfall starb, den sie durch ihre rücksichtslose Fahrweise selbst verursacht hatte.

Kapitel 5 dokumentiert das Verhaltensproblem der Konkretisierung durch Material aus den Anfängen der Analyse eines jungen Mannes, der seinen Vater - einen Überlebenden - anschoß und verletzte, als dieser ihn vom Selbstmord abhalten wollte.

Kapitel 6 erkundet am Fall einer Patientin der zweiten Generation, deren Mutter den Holocaust als Kind miterlebte, die Schwierigkeiten bei der Entwicklung der Fähigkeit, sich zu verlieben und dauerhaft zu lieben.

Kapitel 7 präsentiert den Versuch, einen angemesseneren therapeutischen Zugang zu Kindern von Überlebenden des Holocaust anläßlich einer Situation existentieller Bedrohung zu finden, bei der die Therapeutin sich im selben Boot wie die Patientin befindet. Dieses Kapitel unterscheidet sich von den übrigen Kapiteln dieses Buches, bei denen Patienten der zweiten Generation auf persönliche Traumen im eigenen Leben stoßen: Es befaßt sich mit der traumatischen Begegnung von Patienten der zweiten Generation sowie der jüdischen Bevölkerung Israels insgesamt mit einer lebensbedrohlichen Situation.

Das Nachwort befaßt sich mit zwei Hauptthemen, die für die im Buch beschriebenen Fallstudien typisch sind: Das erste ist die Wechselwirkung zwischen Phantasie und Realität im Leben von Patienten der zweiten Generation, das zweite das Bemühen um den Aufbau eines neuen, selbständigen und stimmigeren Selbst mit Hilfe der therapeutischen Beziehung.

Das vorliegende Buch beruht auf meiner klinischen Erfahrung, die mir die anachronistische Macht bewußtmachte, welche die Vergangenheit der Eltern auf die Gegenwart des Kindes ausübte. Zum Ausdruck kam dies besonders in der häufigen Fortsetzung der elterlichen Gefühle, unter einem Todesurteil zu leben, so daß das Kind es sich aus Angst oder aus Loyalität nicht gestatten konnte, anders zu leben. Die Art, wie die Ereignisse im Leben der Eltern nacherlebt wurden, zeigte häufig, daß nicht nur der Inhalt des Traumas, sondern auch dessen Stil agierend wiederholt wurde. Die Charakterstruktur dieser Kinder, die abwehrenden und adaptiven Stile und die lebenswichtigen Entscheidungen demonstrierten häufig die destruktive Wirkung eines traumatischen Ereignisses, das sich nicht angemessen erkennen, verstehen und erinnern ließ. Das Trauma wurde als störendes und eingekapseltes Ereignis festgehalten, außerhalb der Reichweite des Verstandes, der Einsicht oder der Reflexion. Es besaß die Kraft, das Leben zu verdunkeln oder einen Bruch zu bewirken, indem es zu einsamen agierenden Wiederholungen rührte oder das Lebens insgesamt durchdrang. Diese Art von Übertragung störte die allgemeinen Anpassungsfunktionen wie das Verstehen, das Fühlen, die Aufnahme von Beziehungen und insbesondere die Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben und Schicksal (Peskin et al., 1995).

Weitere Forschungen haben gezeigt, daß Kinder von Überlebenden zu Angst und Mißtrauen gegenüber der Welt neigen (Freyberg, 1980; Fogelman, 1988; Shoshan, 1989); zu Problemen im Bereich der Affektregulierung und Affekttoleranz (Adelman, 1993; Wilson, 1985) und zum Erleben von Depression und einem langanhaltenden Gefühl der Trauer (Shoshan, 1989; Fresco, 1984; Freyberg, 1989). Einige Autoren haben sich besonders mit den Problemen im Zusammenhang mit der psychoanalytischen Behandlung der Kinder von Überlebenden befaßt. Wilson (1985) schreibt, Kinder von Überlebenden könnten in der Therapie eine größere Affekttoleranz erwerben, wenn sie gemeinsam mit dem Analytiker »eine historische Erzählung konstruieren, die das Erbe des Holocaust einschließt«.

Die Konstruktion einer ungebrochenen Erzählung - einer Erzählung, die beim Kind die Lücken jenes Wissens ausfüllt, welches das Unaussprechliche auszusprechen erlaubt und das Wissen von der Vergangenheit und der Gegenwart mit den Realitäten und den Schrecken des Holocaust verknüpft -ermöglicht dem Kind der Überlebenden, allmählich eine gewisse Beruhigung über die zuvor abgespaltenen und unerkannten Affekte und Ängste zu erlangen. Diese Konzeptualisierung des therapeutischen Rahmens für die psychoanalytische Behandlung der Kinder von Überlebenden spiegelt sich im vorliegenden Buch hauptsächlich in der fortgeschrittenen Behandlungsphase des Durcharbeitens, das ein gemeinsames Bemühen von Patient und Analytikerin ist.

Bei dieser Phase beeindruckte mich der innere psychische Wandel, der dann zustande kam, wenn die therapeutische Intervention ein neues Bewußtsein bewirkte und das Durcharbeiten von Holocaust-Wiederholungen zwischen Eltern und Kindern ermöglichte. Das Ergebnis war, daß in der therapeutischen Begegnung häufig die verborgenen Ressourcen der Nachkommen aktiviert wurden, wie die verschiedenen Kapitel zeigen.

Um der überwältigenden Gegenwart des Todes standzuhalten, die in den einzelnen Fällen oft zum Ausdruck kam, mußte ich von den Patienten während der gesamten Therapie als jemand wahrgenommen werden, der das Leben aktiv besetzt, und zwar auch noch nach einer Erfahrung, die eine Negation des Lebens bedeutete. Um dem negativen Ergebnis entgegenzuwirken, das durch zwanghafte Wiederholungen zustande kommen konnte, mußte ich nachdrücklich die Möglichkeit eines anderen Ergebnisses vor Augen führen. Häufig konnten diese Kinder nur durch einen tiefen Glauben an ein neues Ergebnis und an die Nicht-Absolutheit der Zerstörung durch den Holocaust den Gedanken zulassen, daß es eine solche Möglichkeit überhaupt geben könnte. Meine Anerkennung einer Lebenskraft, die selbst noch in der tödlichen Prägung durch eine zweite Traumatisierung verborgen war (eine Traumatisierung, die im gegenwärtigen Leben des Patienten geschah) oder sich dahinter offenbarte, ließ mich oft in einer Weise intervenieren, die die Spur des Todes in den Versuch verwandelte, das Leben zu bejahen. Mein Engagement für das Leben — die Sorge um das Leben und dafür, daß es zur Welt kam - kennzeichnet meine Arbeit mit diesen Patienten ebenso wie den gesamten Tenor dieser Analysen.

Ich möchte hier noch eine kurze Bemerkung über die Relevanz meiner Behandlung für traumatisierte Patienten im allgemeinen anfügen.

Im Schlußkapitel befasse ich mich mit dem Schicksal der psychoanalytischen Behandlung während einer Krise von existentiellem Umfang — dem Golfkrieg.

Nach meiner Ansicht antwortet man in Zeiten einer globalen Krise auf die umfassende Unsicherheit und den regressiven Zug, von dem die Patienten erfaßt werden können, zunächst am besten damit, daß man als Analytiker die eigene reale Gegenwart im Kontext einer emphatischen therapeutischen Bindung bestätigt, statt durch Deutung von Abwehr eine weitere Regression zu fördern.
Ich glaube, daß sowohl diese Einsicht als auch die aktive Besetzung des Lebens nicht nur bei dieser besonderen Patientengruppe wichtig ist, sondern auch bei Patienten, deren Leben von der Realität des Krieges, der Gewalt und des Traumas betroffen wurde.

Der stumme Schrei der Kinder
Die zweite Generation
der Holocaust-Opfer

von Ilany Kogan

Preis: EUR 22,50

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Die Patientinnen und Patienten, deren Geschichten die israelische Psychoanalytikerin Ilany Kogan in diesem Buch erzählt, haben eines gemeinsam: Sie gehören der sogenannten zweiten Generation an, sie sind Kinder von Überlebenden des Holocaust. Ihre Wahrnehmung der Gegenwart ist geprägt durch eine Vergangenheit, die nicht ihre eigene ist.

Von einem Zwang geleitet, der ihnen selbst unerklärlich ist, tun sie Dinge, die, wie sich im analytischen Prozeß allmählich herausstellt, aufs engste mit der Geschichte ihrer Eltern verbunden sind: Ein junger Mann verletzt seinen Vater - einen Überlebenden -, als dieser ihn von einem Selbstmordversuch abhalten will; der Säugling einer Frau stirbt bei einem Autounfall, den sie selbst herbeigeführt hat; eine Frau empfindet ihre Familie als Gefängnis und unternimmt immer wieder Ausbruchversuche.
Um das Verhältnis von Realität und Phantasie so beherrschen zu lernen, daß mit Hilfe der Analytikerin die Entstehung eines neuen, gefestigten Selbst und die Erfahrung von Glück, Liebe und intakten Beziehungen möglich ist, müssen im Zuge des psychoanalytischen Gesprächs die Patientinnen und Patienten zu schlüssigen Lebensgeschichten finden.
Dies kann freilich nur geschehen, wenn die teilweise fast unzugängliche Geschichte der Eltern und Verwandten, die den Holocaust überlebt haben, aufgeklärt wird.

Ilany Kogan gelingt es auf eindrucksvolle Weise und mit großer Intensität, diesen Prozeß nachvollziehbar zu machen und darzustellen, welche verheerenden Folgen der Holocaust langfristig zeitigt.

hagalil.com 30-03-2005

 


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